Jede Beziehung startet mit der Beziehung zu dir selbst
- Marianne

- vor 15 Stunden
- 8 Min. Lesezeit

Stell dir vor, du stehst auf einer Waage. Auf der einen Seite du — auf der anderen dein Partner. Mal kippt sie in die eine Richtung, mal in die andere. Und du fragst dich: Warum finde ich diese Balance nicht? Und wie können wir die Balance finden?
Die Antwort liegt nicht im anderen. Sie liegt in dir.
Jede Beziehung mit einem anderen Menschen kann nur so gut sein wie die Beziehung, die du zu dir selbst hast. Das klingt einfach. Und gleichzeitig ist es das, woran die meisten von uns immer wieder stolpern — mich eingeschlossen.
Die Waage zwischen ICH und DU
In meinen Augen besteht eine gesunde und erfüllte Beziehung aus einem ICH und einem DU. Eine Symbiose aus zwei Individuen, die beide vollständig sind. Wenn wir von Beziehung sprechen, meinen wir meistens die Liebesbeziehung. Und obwohl ich als Beziehungscoach mich mit allen persönlichen Beziehungen beschäftige — Familie, Freundschaft, Arbeit — richtet sich dieser Artikel bewusst auf Liebesbeziehungen. Denn aus meiner eigenen Erfahrung und der meiner Coaching-Kunden passiert es dort am häufigsten, dass wir diese natürliche Symbiose ins Wanken bringen. Die Liebe macht eben nochmal etwas ganz anderes mit uns.
Ich vergleiche es immer mit einer Waage: Das ICH steht auf der einen Seite, das DU auf der anderen.
Wenn wir uns zu sehr auf das DU fokussieren — also zu stark auf den Partner — verlieren wir uns selbst in der Beziehung. Wenn wir uns zu sehr auf das ICH fokussieren, verlieren wir die Verbindung zum Partner. Beide Situationen zeigen ein Ungleichgewicht. Und nur wenn beide Seiten — das ICH und das DU — den gleichen Wert haben, entsteht ein gesundes WIR.
Natürlich gelingt das nicht jeden Tag. Es wird Situationen, Wochen oder sogar Monate geben, in denen ein Ungleichgewicht unvermeidlich ist — durch Krankheit, Verlust, Trennungen oder andere Schicksalsschläge. In diesen Momenten zeigt sich besonders, wie tragfähig eine Beziehung wirklich ist. Aber von diesen Extremsituationen spreche ich hier nicht. Ich spreche vom normalen Alltag.
Es geht also darum, das ICH und das DU zu stärken — damit das WIR funktioniert.
Warum fällt uns das so schwer?
Ich kenne es von mir selbst nur zu gut. Als jemand, der gelernt hat, sich ständig anzupassen, aber gleichzeitig immer wieder den Drang hatte auszubrechen und die eigene Freiheit zu spüren, wenn die Anpassung zu viel war, fiel und fällt es mir manchmal noch schwer, diese Waage zu halten. Zu viel Fokus auf das DU — und irgendwann spüre ich den inneren Drang auszubrechen, weil ich mich verloren fühle. Zu viel Fokus auf das ICH — und mein Partner fühlt sich vernachlässigt, oder ich fühle eine Leere in mir, weil mein Wunsch nach tiefer und echter Verbindung so stark ist.
Unsere frühkindlichen Prägungen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die Bindungsforschung — begründet von John Bowlby und weiterentwickelt von Mary Ainsworth — beschreibt drei Muster, die ich hier kurz skizzieren möchte, weil sie direkt erklären, warum wir die Waage so oft verlieren.
Manche haben gelernt, dass Liebe unbeständig ist — mal da, mal nicht. Also passen sie sich an, tun alles für den anderen, um nicht verlassen zu werden. Was nach außen wie Fürsorge aussieht, ist oft People Pleasing: etwas, das man tut, um Liebe zu bekommen, nicht um sie zu geben. Ainsworth nennt das den ängstlich-ambivalenten Bindungsstil. Man verliert sich so sehr im DU, dass man irgendwann nicht mehr weiß, wer man selbst ist.
Andere haben gelernt, dass Bindung ihre Autonomie gefährdet — dass sie für ihre wahre Persönlichkeit abgelehnt wurden. Also wählen sie Distanz. Selbst in einer Beziehung bleibt man auf Abstand. Das ist der abweisend-vermeidende Bindungsstil. Der Fokus liegt so stark aufs ICH, dass echte Nähe kaum möglich wird.
Und dann gibt es noch diejenigen, die beides kennen: den Drang nach Bindung — und sobald sie da ist, den ebenso starken Drang wieder autonom zu werden. Weder ohne noch mit. Das ist der ängstlich-vermeidende Bindungsstil (auch desorganisierten genannt). Für mich als jemand mit diesem Muster war dieses innere Chaos sehr vertraut.
Erst als ich begann, meinen Mustern, meinen Emotionen und meinen Gedanken wirklich zuzuhören — sie anzunehmen, ohne ihnen so viel Gewicht zu schenken, dass sie mein Verhalten bestimmen — erst dann konnte ich lernen, sicherer in Beziehungen zu sein.
Vom Kopf zurück in den Körper
Was mir in solchen Momenten wirklich geholfen hat — und was ich auch mit meinen Kunden arbeite — ist der Weg zurück in den Körper. Weg vom Kopf, weg von den Gedanken, die in Sekundenschnelle eine ganze Geschichte erzählen. Hin zu dem, was wirklich da ist.
Wenn ich also gemerkt habe, dass ich mich wieder zu stark angepasst habe und die Frustration hochkam, habe ich versucht kurz innezuhalten. Manchmal auch erst danach. Es fordert ein hohes Maß an Bewusstsein und Ehrlichkeit zu sich selbst. Ich habe auf meinen Körper gehört. Wo spüre ich gerade etwas? Welche Empfindung ist da? Welche Emotion steckt dahinter — und was will sie mir sagen? Was brauche ich gerade wirklich?
Denn Körper, Emotionen und Gedanken beeinflussen sich gegenseitig. Und das Entscheidende ist: Wir reagieren nie auf eine Situation selbst — wir reagieren auf die emotionale Bedeutung, die wir ihr geben. Eine Bedeutung, die oft aus alten Erfahrungen stammt und die unser Nervensystem noch für wahr hält. Und wenn wir heute in einer Situation sind, die genau das aktiviert, schlägt es Alarm. Und schon reagieren wir — greifen an, ziehen uns zurück oder passen uns wieder an — bevor wir überhaupt verstanden haben, was gerade wirklich passiert ist.
Bei mir waren es Glaubenssätze wie: Bindung ist gefährlich für meine Autonomie. Ich kann nicht ich selbst sein in einer Beziehung. Meine Bedürfnisse sind nicht wichtig.
Dahinter steckten Emotionen wie Frustration, Angst, Hilflosigkeit. Was ich eigentlich wollte, war ganz simpel: die Sicherheit und Bestätigung, dass Bindung und Autonomie gleichzeitig möglich sind. Das klingt so selbstverständlich — und gleichzeitig musste ich es erst lernen und lerne es weiterhin. In der Beziehung. Mit meinem Partner.
Und genau das geht nur, wenn man in die Kommunikation mit dem Partner geht — aber nicht aus dem Frust heraus und nicht wenn man bereits im Extremen ist. Sondern wenn man sich selbst verstanden hat und wieder reguliert ist. Wenn man weiß, was gerade wirklich in einem los ist. Denn meistens weiß das der Partner gar nicht und wird dann konfrontiert mit einer Reaktion, die er nicht versteht und aus heiterem Himmel kommt. Dann kann man gemeinsam auf Augenhöhe einen Weg finden, der für beide funktioniert — das ist echte Beziehungsarbeit.
Beziehungswunden heilen nicht in der Einsamkeit
Ich würde gerne einen einfacheren Weg zeigen — aber es gibt hier keinen Shortcut. Der einzige nachhaltige Weg zu echten, erfüllenden Beziehungen, die wirklich zu dir passen, ist die Beziehung zu dir selbst aufzubauen. Mit all deinen Anteilen — den Sonnenseiten und den Schattenseiten — sie zu hören, zu erkennen, zu akzeptieren und mit Mitgefühl zu behandeln.
Und noch etwas: Beziehungswunden können nicht als Single geheilt werden. Das Wort sagt es schon. Sie heilen nur in Beziehungen — durch einen Partner, der dir das spiegelt, was du in dir trägst. Dein Partner kann dich dabei unterstützen. Aber er ist nicht dein Retter. Und er sollte es auch nicht sein.
Was das im Alltag bedeutet
Es ist völlig normal — und sogar wichtig — Zeit für dich alleine zu haben, auch wenn du in einer Beziehung bist. Dinge zu tun, die nur für dich sind. Ein Hobby, Sport, spazieren gehen, mit Freunden weggehen, ein Buch lesen, in ein Café setzen und in Ruhe einen Kaffee trinken. Was es ist, spielt keine Rolle. Wenn du nicht weißt, was dir Freude macht, dann probiere einfach aus. Es darf auch ein paar Anläufe brauchen. Ich mache das unglaublich gerne. Auch wenn manchmal noch meine Angst sichtbar wird und versucht, mich davon abzuhalten, denn ich habe ja gelernt: Autonomie und Bindung gleichzeitig ist nicht möglich.
Als ich nach jahrelanger innerer Arbeit und immer wieder mal Dating-Phasen frisch in eine neue Beziehung kam, hatte ich schon Angst, wieder in mein altes Muster zu fallen. Und gleichzeitig war ich einfach verliebt. Diese Verliebtheitsphase hat dafür gesorgt, dass ich ständig Zeit mit meinem Freund verbringen wollte — und das war auch wunderschön. Diese Zeit kommt schließlich nicht mehr wieder. Aber schnell habe ich gemerkt, dass ich mich wieder angepasst habe. Zu vielem Ja gesagt, obwohl ich es nicht wollte. Und irgendwann kam der innere Drang hoch, wieder mehr Raum für mich zu haben. Meine Angst, meine Autonomie zu verlieren und nicht wirklich sicher in dieser Bindung zu sein, hat unsere Beziehung zusätzlich belastet. Also kam kein Weg daran vorbei: Ich musste es erkennen und wieder die innere Arbeit tun. Diesmal wusste ich wenigstens, was los war. Ich hatte große Angst, dass mein Partner meinen Wunsch nach mehr Raum oder ein “Nein, ich will das nicht machen” nicht akzeptieren würde. Aber Wachstum wartet nicht, bis die Angst verschwindet. Es nimmt sie an die Hand und geht trotzdem.
Als ich in meiner Beziehung wieder angefangen habe, mehr Dinge alleine zu tun, kamen zuerst Schuldgefühle hoch. Mein Partner hatte gar nichts gesagt — aber es war so tief in meinem System verankert. Wenn das auch dir passiert: Das bedeutet nicht, dass du etwas falsch machst. Dein Körper reagiert einfach auf ein altes Muster. Du wirst merken, dass es dir danach gut geht. Dass du deinem Partner wieder mehr geben kannst — weil du dir selbst etwas gegeben hast.
Ich hatte auch Angst, im gemeinsamen Urlaub Dinge alleine zu machen oder etwas nicht mitzumachen, das mich schlicht nicht interessiert. Ich hatte gelernt, dass man alles zusammen macht — vor allem wenn man verreist. Und gleichzeitig habe ich gemerkt, wie gereizt ich werde, wenn ich gegen mein natürliches Wesen gehe. Irgendwann ist das Fass voll. Aus diesem ersten Urlaub habe ich gelernt. Beim zweiten großen Urlaub war ich bewusster: Manchmal mache ich etwas mit, das er vorschlägt, und bin hinterher froh darüber. Manchmal sage ich auch klar nein und genieße die Sonne draußen, bis er zurückkommt. Und jedes Mal lerne ich aufs Neue: Autonomie und Bindung schließen sich nicht aus. Beides ist möglich. Auch wenn ich es erstmal neu lernen muss. Und manchmal - gerade am Anfang - ist es auch ein wenig chaotisch. Aber dafür eben ehrlich und menschlich.
Wenn du gerade Single bist, gilt dasselbe. Es ist die perfekte Zeit, dich endlich mal nur auf dich zu konzentrieren. Herauszufinden, was du liebst. Dich selbst zu genießen — und gleichzeitig offen zu bleiben. Das merken andere sofort. Menschen mit einem sicheren Bindungsstil werden genau das anziehend finden: jemanden, der sich selbst hat und keine Lücke in einem anderen sucht.
Und bitte sei geduldig — mit dir und mit deinem Partner. Wenn ihr das beide gerade erst lernt, wird es manchmal gut funktionieren und manchmal nicht. Es wird Tage geben, an denen du die Balance hältst und denkst: ja, ich hab das. Und dann gibt es Momente, in denen dein altes Muster wieder auftaucht und es sich anfühlt, als würdest du von vorne anfangen. Das ist kein Rückschritt. Das ist Wachstum. Denn Wachstum ist nie eine gerade Linie nach oben. Geh mit Mitgefühl an das, was du gerade lernst. Du eignet dir eine neue Fähigkeit an — und je öfter du dranbleibst, desto leichter wird es fallen. Irgendwann wird daraus eine ganz neue Gewohnheit. Eine, die sich wie du anfühlt.
Der Schlüssel bist DU
Eine Beziehung ist kein Ersatz. Sie ist kein Ort, um Leere zu füllen. Sie ist ein Ort, an dem zwei Menschen aus freiem Willen zusammenkommen — um zu geben, zu wachsen und etwas aufzubauen.
Und der Schlüssel dazu liegt bei dir. Nicht bei deinem Partner. Nicht in der perfekten Beziehung. Bei dir. In deinem Körper, in deinen Emotionen, in der Beziehung die du zu dir selbst aufbaust und täglich pflegst. Nur wenn das ICH und das DU stark sind, kann das WIR wirklich funktionieren.
Das bedeutet nicht, dass du alleine durch das alles musst. Ganz im Gegenteil. Aber es bedeutet, dass die wichtigste Beziehung, die du je führen wirst, die zu dir selbst ist. Wenn du die pflegst — mit Ehrlichkeit, mit Mitgefühl, mit Geduld — dann bringst du etwas in eine Beziehung, das kein anderer Mensch dir geben kann: dich selbst. Ganz. Und das ist es, woraus echte Verbindung entsteht.



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