Hochsensibilität im Tanz, in der Liebe und im Leben
- Marianne

- 21. Juli
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Juli
Kennst du das Gefühl, nach einem vollen Tag oder nach einem Treffen mit vielen Menschen so erschöpft zu sein, dass du einfach nur noch weg willst? Der Tag und das Treffen waren schön, aber dennoch wünschst du dir einfach nur Ruhe und Alleinsein. Nur ein Wort wäre schon zu viel. Klingt ganz danach, als hättest du zu viel aufgenommen. Zu viele Menschen, zu viele Reize, zu viele Eindrücke. Und nun ist dein innerer Akku auf null.
Mir ist das oft so gegangen. Vor allem bei Aktivitäten wo ich auf sehr viele Menschen getroffen bin wie auf Tanzfestivals. Als ich noch sehr aktiv getanzt habe und als Tanzlehrerin und Tänzerin europaweit unterwegs war, bin ich sehr oft zu Festivals gereist. Während nach dem Wochenende viele in ein "depressives" Loch gefallen sind, weil sie nach einem intensiven Festival – nach dem ganzen Kontakt und den Glückshormonen durch das Tanzen – plötzlich wieder allein und dem Alltag ausgeliefert waren, habe ich erstmal eine Pause von Menschen und allem gebraucht. Es war so etwas wie "der Urlaub nach dem Urlaub".

Wenn der Filter kleiner ist
Hochsensible Menschen nehmen mehr wahr, weil ihr Gehirn anders filtert. Es gibt Bereiche in der Hirnrinde, die Informationen regulieren. Bei hochsensiblen Menschen ist dieser Filter kleiner. Das bedeutet: Es kommen schlicht mehr Reize an, die verarbeitet werden müssen. Das braucht Energie. Viel davon.
Hochsensibilität zeigt sich auf verschiedene Arten – im Denken, Fühlen, Hören, Riechen, Sehen oder im körperlichen Spüren. Einzeln oder in Kombination, es ist alles möglich. Und das heutige Leben ist darauf kaum ausgerichtet. Wir werden alle gleichbehandelt, alle im selben Tempo getaktet. Für hochsensible Menschen kann das auf Dauer zermürbend sein.
Ich halte Hochsensibilität für eine Gabe. Für eine echte Superkraft – wenn man gelernt hat, mit ihr umzugehen.
Zwei Tage Festival, null Energie
Ich habe viele Jahre Kizomba/Urban Kiz getanzt und unterrichtet. Tanzfestivals mit Hunderten von Menschen gehörten dazu. Ich habe sie nicht immer geliebt – aber ich liebte das Tanzen so sehr, dass ich gegangen bin. Außerdem gehört es irgendwie auch dazu, wenn man aktiv in der Szene ist. Und ich war damals sehr aktiv, mit eigenen Kursen, Workshops und Events in der lokalen Szene in Stuttgart und Umgebung. Manchmal wurde ich auf Festivals gebucht, um Workshops zu geben, oder als Gasttänzerin eingeladen. Oder ich wollte einfach so zu einem Festival, aus Spaß, ohne berufliche Verpflichtungen. Dabei muss man noch erwähnen: Ich habe das nur nebenberuflich gemacht. Daneben hatte ich immer noch meinen Hauptjob – Büro, Montag bis Freitag, ganzer Tag.
Und ich erinnere mich noch genau, wie sich diese Zeit angefühlt hat. Kaum geschlafen, weil die Nächte kurz waren. Stundenlang getanzt, manchmal mehrere Stunden am Stück ohne Pause. Laute Musik. Enge Räume. Körperliche Nähe zu Menschen, die ich kaum kannte. Ich habe alles aufgenommen – und irgendwann lief mein System auf Reserve.
Früher konnte ich nie Nein zu einem Tanz sagen. Mir wurde von Tanzlehrern beigebracht, dass man das nicht tut. Und weil ich damals noch unsicher war und generell selbst gelernt hatte, im Leben immer Ja zu sagen – zu allem und jedem –, kam mir schlicht nicht in den Sinn, dem Tanzlehrer zu widersprechen und eine Einladung abzulehnen. Heute weiß ich, was dahintersteckte. Es war Vermeidung. Menschen-Gefälligkeit. Kein Nein zu geben, um kein Nein zu bekommen. Das hatte nichts mit Nettigkeit zu tun – meistens jedenfalls nicht.
Die Tanzlehrer, die ich hatte, hatten wohl dasselbe Thema wie ich. Und die Ausrede, die ich anfangs hatte und die ich heute noch von vielen Tänzerinnen und Tänzern mit demselben Thema höre, war praktisch: Es fühlt sich ja auch nicht gut an, ein Nein zu bekommen.
Irgendwann habe ich angefangen, innezuhalten. Und zu fragen: Geht es hier wirklich um den anderen oder um mich? Was brauche ich gerade wirklich?
Was passiert, wenn der Körper zu viel aufnimmt

Ich bin keine Neurowissenschaftlerin, aber weil mich das Thema, wie unser Gehirn funktioniert, so sehr interessiert, habe ich einige Bücher dazu gelesen und auch mit Neurowissenschaftlern gesprochen. Unser Gehirn arbeitet ununterbrochen. Wir verarbeiten rund um die Uhr Informationen und Reize, die wir von außen und innen wahrnehmen. Wenn zu viele Reize gleichzeitig ankommen und der Körper nicht mehr hinterherkommt, schaltet sich das Alarmsystem im Gehirn ein – die Amygdala.
Ich finde die Metapher zu einem Feuermelder so treffend. Immer aktiv und auf jede Situation gefasst. Sobald eine Bedrohung herrscht – ob nun wirkliche Bedrohung oder nicht –, meldet die Amygdala (unser innerer Feuermelder) Alarm. Sie bewertet, ob eine Situation gefährlich ist, beziehungsweise ob wir sie als gefährlich wahrnehmen, und bereitet den Körper auf eine physische Reaktion vor: Kämpfen, Fliehen oder Einfrieren. Natürlich sind wir nicht wirklich in Gefahr, aber unser System nimmt die Situation als Gefahr wahr, weil es überfordert ist. Es sendet uns das Signal: Das war zu viel, Stopp!

Ich merke es bis heute: Wenn ich zu lange zu viel aufnehme – zu viele Menschen, zu laute Geräusche, zu intensiver Geruch, zu intensives Licht –, merke ich, wie mein Körper Alarm schlägt. Mein System kann nicht mehr. Ich bekomme Kopfschmerzen, manchmal Migräne. Licht tut weh. Lärm tut weh. Das Einzige, was dann hilft, ist Stille. Keine Reize. Einfach nichts.
Und genau das ist der Punkt, den ich lernen durfte: Ich muss gar nicht erst bis an diesen Rand kommen. Wenn ich früh genug auf meinen Körper höre, kann ich gegensteuern – bevor er für mich entscheiden muss. Dazu muss ich aber zwingend auf mich und meine Bedürfnisse hören und selbst dafür sorgen, mir diesen Raum zu nehmen.
Abgrenzung gehört dazu – im Tanz, in der Liebe und im Leben
Auf meinem Weg, besser mit meiner Hochsensibilität umzugehen, gehörte eine Sache fest dazu: Abgrenzung lernen. Das war und ist nicht leicht. Gerade weil ich gelernt hatte, mich anzupassen und immer Ja zu sagen, fiel es mir lange schwer, ein Nein auszusprechen, ohne mich schuldig zu fühlen.
Beim Tanzen hat es klein angefangen. Nach einem Tanz habe ich mir eine Pause genommen – bin einfach gesessen, habe manchmal den Raum verlassen. Habe ich länger getanzt, habe ich auch eine längere Pause gemacht, bin einen Kaffee getrunken oder spazieren gegangen.Ich habe nicht mehr das ganze Wochenende durchgetanzt, sondern bewusst Pausen genommen. Ich habe gelernt, Tänze abzulehnen – manchmal mit Erklärung, manchmal ohne. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich an der Wand gelehnt und einfach nur zugeschaut habe. Ein Mann kam auf mich zu, lud mich ein, ich lehnte ab, und er fragte verwundert: "Was, willst du wirklich nur dastehen und beobachten?" Ja. Genau das wollte ich.
Auch in meiner Beziehung musste ich lernen, mir diesen Raum zu nehmen. Mein Partner liebt zum Beispiel Messen oder große Tanzfestivals. Mir graut davor, weil sie für mich anstrengend sein können. Auch braucht mein Partner weniger Pausen als ich. Gefühlt kann er stundenlang ganz viele verschiedene Sachen machen, am besten noch mit tausenden von Menschen. Hier hilft es, offen zu kommunizieren und jedem seinen Freiraum zu lassen und gemeinsam einen Weg zu finden, der für beide funktioniert, statt sich automatisch anzupassen.
Bei Fremden fiel mir das Nein-Sagen am Ende relativ leicht. Bei Menschen, die mir nahestehen, war und ist es eine ganz andere Herausforderung – weil dort viel mehr auf dem Spiel steht: alte Ängste, Glaubenssätze, die Sorge, jemanden zu verletzen oder selbst verletzt zu werden. Als hochsensibler Mensch wird man gefühlt öfter verletzt, zumindest ist das Gefühl stärker und häufiger, auch weil man sich einfach mehr und tiefer fühlt. Am meisten hat es mich bei meinem Partner und meiner Familie verletzt, und natürlich bei Angelegenheiten, die mir besonders wichtig waren. Auch hier ging es meistens darum, dass ich diese Gefühle nicht fühlen wollte. Der innere Kritiker hat gleich eingesetzt, und alte negative Glaubenssätze wie "Ich bin nicht liebenswert" oder "Ich bin nicht wichtig" kamen sofort hoch, wenn ich ein Nein bekommen habe.
Abgrenzung und lernen “Nein” zu sagen ist ein Thema für sich, dem ich einen eigenen Artikel widme. (Coming soon)
Hochsensibilität ist kein Grund, sich zu verstecken
Ich hatte Phasen, in denen ich mir gewünscht habe, nicht hochsensibel zu sein. Weil es verdammt wehtut, so tief zu fühlen. Weil Begegnungen mit anderen oft mehr hinterlassen haben, als ich wollte. Weil ich nach Veranstaltungen, Treffen und Partys erschöpft war, während andere noch stundenlang weitergemacht haben. Damals konnte ich einfach nicht damit umgehen, also habe ich es als Belastung gesehen.
Heute bin ich froh, so zu sein. Ich habe gelernt, damit umzugehen – und sie als Stärke zu sehen, nicht als Schwäche.
Denn Hochsensibilität bedeutet auch: Du nimmst Verbindungen tiefer wahr. Du fühlst auch die anderen Emotionen wie Glück, Freude, Erfüllung und Ruhe intensiver. Du bringst ein Feingefühl in Beziehungen, das viele andere nicht haben. Im Paartanz zum Beispiel ist das sogar eine echte Stärke – weil du den anderen und dich selbst wirklich spürst. Du kannst sehr gut zuhören und hörst sogar die Dinge, die dein Gegenüber nicht ausspricht. Du bist einfühlsam und bringst viel Verständnis mit. Deshalb fühlen andere wahrscheinlich oft eine tiefe Verbindung zu dir.
Ich glaube fest daran, dass wir Hochsensiblen eine ganz wichtigen Beitrag in dieser oft schnellen und oberflächlichen Welt haben. Daher finde ich es umso wichtiger, dass wir uns dessen bewusst machen, wie wunderschön diese Gabe sein kann und wir uns genau deswegen zeigen müssen.
Was mir wirklich geholfen hat
Wenn du hochsensibel bist und dich darin wiedererkennst: Es geht nicht darum, dich zu verstecken oder deine Hochsensibilität als Ausrede zu nutzen. Es geht darum, Fähigkeiten zu entwickeln, die dir helfen, auch in reizreichen Situationen bei dir zu bleiben.
Was mir geholfen hat:
Frühzeitig Pausen einplanen und regelmäßig Pause nehmen – bevor der Körper sie erzwingt. Denk an die Amygdala: Wenn der Körper schon im Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsmodus ist, ist es definitiv zu spät.
Handy weglegen. Raus in die Natur. Bewegung. Stille. Alles, was dir in dem Moment guttut. Aber achte auf möglichst wenige Reize.

Wenn du, so wie ich, auf Tanzfestivals unterwegs bist und noch nicht deinen Weg gefunden hast, dann probiere viele Dinge aus. So habe ich es auch gemacht. Du musst nicht sofort wissen, was das Endergebnis ist. Bei mir hat es angefangen damit, einfach mehr Pausen zu machen – nach jedem Tanz eine Pause. Dann hatte ich Lust, später zum Tanzen zu gehen und vorher noch einen Kaffee zu trinken, wenn das Tanzen mittags begann. Dann habe ich komplett eine Party ausfallen lassen. Dann bin ich statt
für ein ganzes Wochenende nur für einen Tag hingefahren und habe am anderen Tag die Stadt besichtigt.
Du siehst: Es gibt wirklich viele unterschiedliche Wege, und du darfst dir deinen ganz eigenen finden und wählen. Wichtig ist nur, dass du immer wieder bei dir eincheckst und fragst: "Was tut mir gerade gut? Egal, was andere denken!" Wenn du etwas tust, das dir von Herzen guttut, dann gibt es dir viel Energie.
Ich selbst tanze heute kürzer und bewusster als früher. Ich genieße es tiefer. Und ich mache Pausen und gehe nach Hause, bevor ich leer bin. Das ist mehr wert als jede durchgetanzte Nacht. Auch meine Beziehungen sind viel erfüllter und entspannter, wenn ich auf mich und meine Ruhepausen achte, weil ich dann einfach viel entspannter bin und mein Akku aufgeladen ist. Und wenn das das Ergebnis ist, wenn ich mal an mich und meinen Akku denke, dann mache ich das doch wirklich gerne. Wie sagt man so schön: Happy Wife, Happy Life. Gibt es so einen Spruch eigentlich auch für Männer?
Ich hoffe dieser Artikel hat dir gefallen, und wenn du dich hier wiederfindest, dann hoffe ich sehr, dass ich dir damit helfen konnte. Es freut mich riesig, wenn du diesen Artikel und Blog mit einem Menschen teilst, von dem du denkst, es könnte ihn auch interessieren.


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